Sportlicher Erfolg beginnt im Kopf

10.03.2014 15:00:00 | Lars Lottermoser

Sebastian Altfeld ist Sportpsychologe und bearbeitete ein Feld, das in der heutigen Leistungsgesellschaft immer wichtiger wird. Dazu gibt er Tipps, wie Amateursportler und Schiedsrichter ihre Leistungen durch das Training des Kopfes verbessern können.

Szene Nummer eins. Passiert vor rund zwei Wochen beim Heimspiel der Bundesliga-Basketballer von Phoenix Hagen. Das Schiedsrichter-Trio verhängt drei Pfiffe gegen die Hagener und bringt das Publikum gegen sich auf. In der Enge der Arena wird geschimpft, gebrüllt, gestikuliert. Die Referees bringen die Partie trotzdem souverän zu Ende.

Szene Nummer zwei. Vergangene Woche. Phoenix-Flügelspieler Mark Dorris trifft mit der Schlusssirene zum Sieg gegen Würzburg. 2,6 Sekunden vor Ende hatte es noch 73:73 gestanden. Er wird zum Helden.

Wenn man sich mal mit dem Sportpsychologen und gebürtigen Breckerfelder Sebastian Altfeld unterhalten hat, versteht man, dass nicht unbedingt das Können, das Talent oder die Ausbildung beider Athleten - auch Schiedsrichter bezeichnet Altfeld als Athleten - darüber entschieden hat, dass es am Ende gut ausging. "Sondern ihr Kopf", sagt Altfeld. Er schaut in die Köpfe von Sportlern hinein. Dorthin, wo der wahre Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg liegt.

Alles fing mit einem Buch an

Angefangen hatte das alles mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr beim TSV Hagen 1860 und einem gekauften Buch über Sportpsychologie. Ein Studiengang und eine Masterarbeit später arbeitet Altfeld mit vielen Sportlern aus der Region an ihrer psychischen Leistungsfähigkeit und erarbeitet mit ihnen Wege mit Druck, Stress und anderen Faktoren, die ihre Leistung beeinflussen, umzugehen. Ein wichtiger Aspekt in der (Sport)Gesellschaft, in der man ab Platz zwei oft schon zu den Verlierern zählt und der Druck, speziell auf Profis, durch die breite Streuung medialer Bewertung ihrer Leistungen immens sein kann.

Große Jungtalente, die vor dem Eintritt in den Seniorenbereich plötzlich aufhören, weil sie keine Lust mehr verspüren. Eine Basketball-Mannschaft, die mit 25 Punkten führt und doch noch verliert, Eltern, die viel zu harsch vom Spielfeldrand aus mit ihren Kindern ins Gericht gehen. "Die Gesellschaft verändert sich und dadurch muss sich auch der Sport verändern. Und die Art, wie man in ihm arbeitet."

Altfelds Aufgabenfeld ist weit gefächert. Golfer, Handballteams, Basketballmannschaften, Triathleten, Fußballer. Sie alle antworten auf seine Frage, wie viel Prozent der Kopf in ihrem Sport ausmache, mit bemerkenswert hohen Zahlen. "Da gibt es Sportler, die sagen, der Kopf würde 80 oder sogar 90 Prozent bei ihnen ausmachen. Trainieren tun sie überwiegend aber ihren Körper oder ihre Technik. Wenn der Kopf doch so wichtig ist, dann muss ich mich ihm anteilsmäßig auch mehr widmen."

39 Wahrnehmungsfehler

Ausgangsidee seiner Arbeit: Durch Gedanken kann man seine Leistung verbessern. "Erster Tipp für alle Sportler, egal in welcher Spielklasse: Erinnert euch vor einem Wettkampf an eure letzte richtig gute Aktion, verinnerlicht, wie gut ihr euch dabei gefühlt habt und schenkt euch das Vertrauen, dass ihr immer wieder in der Lage seid, das zu wiederholen." Tipp zwei: Eigne dir Techniken an, mit Nervosität umzugehen. Zum Beispiel mit Musik oder durch Atemtechniken. Dritter Tipp: Akzeptiere, dass man in keinem Sport dieser Welt fehlerfrei sein kann und Fehler ein ebenso wichtiger Bestandteil eines Spiels sind.

Altfeld verdeutlicht das: "Was bezeichnen wir als eine gute Wurfquote beim Basketball? Vielleicht 40 Prozent, oder? Das heißt: Sechs von zehn Würfen gehen daneben. Ballverluste oder technische Fehler sind dabei noch gar nicht bedacht. Soll ich mich also nach jedem Fehler ärgern?" Der Sportpsychologe kann auch Schiedsrichtern drei Verhaltenstipps mit auf den Weg geben. "Erstens: Jeder Beteiligte an einem Spiel hat seine eigene Realität. Trainer, Spieler, Kampfrichter, Publikum und man selbst."

Es gibt 39 Wahrnehmungsfehler, die die Entscheidung eines Schiedsrichters und jedes Spielbeteiligten (Spieler, Trainer und Zuschauer) beeinträchtigen. "Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich in Konflikten ganz anders reagieren und das Spiel besser managen."

Das klappe am besten - und das ist Schiri-Tipp Nummer zwei - durch Kommunikation. "Das ist das beste Konfliktmanagement. Ein Schiedsrichter, der bereit ist, zu kommunizieren, erreicht mehr Akzeptanz." Und drittens: Sei bereit, einen Fehler zuzugeben. Das schaffe Anerkennung und bringe Ruhe und Sicherheit.

Der Klinsmann-Effekt

Das Thema Sportpsychologie ist kein brandneues, hat aber in Deutschland an größerer Bedeutung gewonnen, seitdem Jürgen Klinsmann 2006 mit der Fußball-Nationalmannschaft und anschließend mit dem FC Bayern Wert auf psychologische Methoden gelegt habe. Der erhöhte gesellschaftliche Druck tue sein Übriges.

Sebastian Altfeld wird in Zukunft genug Arbeit haben - abseits der Spielfelder. Mehr Informationen unter www.sebastianaltfeld-coaching.de.

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Foto: Joerg Laube
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